- Autoverkehr - Ist in München wesentlich schlimmer als in Holland. Daher erste Aktion dieses Jahr: einen Fahrradhelm kaufen und auch beim alltäglichen Radeln aufsetzten
- Bodensee -- nicht mehr in beinahe unerreichbarer Ferne liegendes voralpines Gewässer.
- "Committen" und "Changes" -- zwei neue Vokabeln in meinem Wortschatz. Und im Gegenteil zu Managern, wir committen uns nicht für Ziele, sondern wir Softwaretyppies committen Codeänderungen ins Repository. Alles klar?
- Donde estes estacion? - Den wichtigsten Satz, den ich auf meinem Interrailtrip durch Spanien gebraucht habe. Und gleichzeitig (mit Ausnahme von "hola") auch mein kompletter spanischer Wortschatz. Und das, obwohl ich fast drei Jahre lang spanische -- au, sorry, ich mein natürlich spanische Staatsbürger katalanischer bzw. galizischer Muttersprache -- Mitbewohner hatte.
- Essen: Die Kantine bei einem unserer Kunden (kleiner Tipp: dreibuchstabiger Münchner Automobilbauer) schlägt in jeder Hinsicht die der TU. Leider gilt das auch für den Preis und den Andrang.
- First Annual International Nerd Conference, Munich 2012: Das Konferenzhotel war meine Wohnung, die internationalen Gäste kamen aus Delft.
- Geographie: Ich weiß jetzt (fast) immer, wo mein Chef ist. Geographische Unsicherheiten wie "Ist er gerade in Japan?" -- "Ne, also ich glaube er ist diese Woche auf ner Konferenz auf Spitzbergen" gibt es zum Glück nicht mehr.
- Hora est -- für mich war's das genau vor einem Jahr. Inzwischen haben auch Gio, Chris, Alina und Fateme M. diese erlösenenden Worte gehört. Die theory group, so wie ich sie kannte und ein Teil von ihr war, gibt es jetzt nicht mehr.
- Isarauen und Akash's verzweifelter Versuch, dort "the beach with the beautiful girls" zu finden.
- Junior Solutions Engineer -- so hieß es ursprünglich mal auf meiner Stellenausschreibung. Inzwischen würd ich einfach sagen "Softwareentwickler".
- Koornmarkt 46 - da wohn' ich nicht mehr, dafür jetzt in Schwabing. Auch nett, auch wenn es hier wesentlich weniger Kanäle gibt.
- London: Als ich nach Delft zog, dachte ich "klasse, London liegt quasi um die Ecke. Da kann ich mal für ein Wochenende hin". Leider mußte ich erst wieder aus Holland wegziehen um es mal wieder nach London zu schaffen.
- München: Mag ich immer mehr, auch wenn es dort an Samstagen viel zu viele freilaufende Bayern-Fans gibt.
- Nordsee: Als ich noch zehn Kilometer von ihr entfernt wohnte, zog es mich dort maximal einmal im Jahr hin. Jetzt ist es bei jedem Besuch in Delft eine Pflichtstation. Egal wie schlecht das Wetter ist.
- Olympiabad -- Schwimmen, wo einst Mark Spitz (der Phelps vor Phelps) Goldmedaillen am laufenden Band einsammelte.
- Paper: War da was?
- Quantenmechanik: Früher mein täglich Brot, inzwischen eine nette Erinnerung an vergangene Tage.
- Rotterdamer Bahnhof: Vier Jahre lang war der Rotterdamer Bahnhof eine Baustelle, auf der sich augenscheinlich nichts tat. Und jetzt ist man mal drei Monate lang nicht dort, und ein beinahe fertig gebauter Superbahnhof erwartet einen dort.
- Superkräfte: Ohne Doktor bildet man sich ein, mit einem selbigen kämen irgendwelche Superkräfte. Stimmt nicht -- ich gehe immer noch im Bodensee schwimmen anstatt auf selbigem wandern.
- Tübingen: Nettes Städtchen und zufälligerweise Hauptsitz meines Arbeitgebers.
- Uni vermisse ich als solche überhaupt nicht. Gleiches gilt für meinen Doktorvater.
- Vienna: Ist nicht nur eine Stadt, sondern auch unsere niederländische Sekretärin -- irgendwie scheinen mich Holländer bis nach München zu verfolgen!
- Weiterbildungen hatte ich ein paar dieses Jahr -- neben diversen Softwaregeschichten zu so "BWLigen" Themen wie Projektmanagement und IT-Management.
- arXiv ist tot, lang lebe Slashdot!
- Yttrium - was anderes ist mir zu Y nicht eingefallen.
- Zugverbindungen: Komischerweise waren meine Zugverbindungen nach Delft und zurück im letzten Jahr immer unverspätet -- als Doktorand betrachtete ich eine Stunde Verspätung noch als pünktlich.
Donnerstag, 20. Dezember 2012
365 Tage
Dienstag, 20. Dezember 2011
Hora est
Seit 11 Uhr bin ich Doktor -- denn da kam die freundliche Pedel (Protokollarbeamtin der Uni) mit ihrem Zeremonialstab in den Raum, rammte ihn ein paar mal auf den Boden und es war "Hora est". Und die Prüfung war rum und fünfzehn Minuten später kam meine Prüfungskomission mit meiner Doktorurkunde zurück. Da ich noch immer unter einem ziemlichen Adrenalinrausch stehe (Doktorprüfungen geben anscheinend einen besseren Kick als alles andere,was ich kenne) und daher die Gefahr besteht Sachen zu schreiben, die ich ganz bei Sinnen nie schreiben würde, mach ich jetzt hier Schluss.
P.S.: Bitte sprecht mich in Zukunft ja nicht mit Dr. Bretzel an. Ich bin, war und werde immer der Stefan bleiben.
P.P.S: Heute Abend schmeiss ich für meine Kollegen und Freunde ne Party in Delft. Die Tradition will es, dass sie einen Beitrag (meistens Quiz) vorbereiten, in dem ich ordentlich durch den Kakao gezogen werde. Bin schon gespannt darauf.
Freitag, 3. Juni 2011
Seit vier Jahren im Flachland (al vier jaar leef ik in het Nederland)
- Für mein seelisches Wohlbefinden sind die Sicht auf Hügel, von Bergen will ich ja gar nicht erst sprechen, unverzichtbar. Leider sind diese hier nahezu unbekannte geographische Objekte. Gut, eigentlich hätte ich ja gewarnt sein können, denn die Niederlande sind ja nicht gerade bekannt für ihre Bergketten (oder hat schon mal jemand vom Utrechter Zentralmassiv gehört?).
- Gutes Brot in den Niederlanden zu finden ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das ist, so habe ich es in den letzten Jahren gelernt, ein typisches Statement eines deutschen Expat. Nichts geht über gutes Brot und sachdienliche Hinweise, wo man eben solches finden könnte, werden in den entsprechenden Kreisen hoch gehandelt.
- Nederlandse Appeltaart met Slagroom ist einfach die definitive Version von Apfelkuchen. Sorry, Mama.
- Nichts macht einen mehr seine ethnische Herkunft bewusst als in einer Umgebung zu leben, in der fast niemand diese mit Dir teilt. Beispiel gefällig? In Deutschland war es nie ein Thema, dass ich kein Bier trinke. Hier werde ich oft mit den Worten "this is Stefan from Germany. And guess what, he doesn't drink beer" vorgestellt. Dass man als Deutscher kein Bier mag, scheint bei den meisten Leuten eine kognitive Dissonanz allererster Güte auszulösen.
- Kellner in belgischen Bierkneipen nehmen es einem nicht übel, wenn man immer nur Cola bestellt.
- In der indonesischen Küche gibt es nur drei Schärfegrade: Verdammt scharf, kriminell scharf und durch die UNO Chemiewaffenkonvention verboten scharf (für praktische Demonstrationen zu diesem Thema geht dank an Tungky).
- Die Niederländer sind geiziger als Schwaben und stolz darauf. Manche gehen sogar so weit zu behaupten, dass sie selbst mit ihrem Date die Rechnung auf den Cent genau aufteilen würden. Angeblich ist der Ausdruck "going Dutch" (getrennt bezahlen) in den USA gang und gäbe -- so geläufig, dass alle Amerikaner, die nicht in den Niederlanden leben, diesen Ausdruck nicht kennen (oder so zumindestens meine praktischen Feldforschungen).
- Die Niederländer haben die deutschen Untaten im zweiten Weltkrieg schon lange verziehen -- ausser, dass die Deutschen ihre Fahrräder geklaut haben. "Waar is mijn fiets?" oder "Ik wil mijn fiets terug" bzw. Anspielungen darauf habe ich genug gehört (dank geht hiefür an meinen ewigen Büromitbewohner Marnix).
- Deutsche Unimensen sind viel besser als man als Student immer dachte. Denn alle zwei Wochen Kässpätzle für 2 Euro 50 ist nichts im Vergleich zu täglich die gleiche Frikadelle für drei Euro. Daher bin ich in den letzten Jahren zum Vesperbrotmitbringer mutiert.
- Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, lange Distanzen mit der Bahn zu fahren und mit maximal einer Stunde Verspätung anzukommen.
- Auch in den Niederlanden gibt es einen Bible Belt -- dort wohnen die Leute, deren Vorfahren vor dreihundert Jahren das Schiff nach Pennsylvania verpasst haben.
- Das Englischniveau eines durchschnittlichen Deutschen im Vergleich zum durchschnittlichen Nederlander: Abgrundtief schlecht (daher: It's a long way -- start walking).
- Die Geldkarte (dieser Chip auf der Bankkarte, der in Deutschland von niemandem benutzt wird) kann man tatsächlich für Bezahlungen benutzen.
- Durchschnittlich wird einem 0.25 Fahrräder pro Jahr geklaut (so zumindestens das Ergebnis meines langjährigen Selbstversuchs -- seit zwei Wochen bin ich Fussgänger)
- Je mehr Sprecher eine Sprache hat, desto grösser die Paranoia derselben, dass Englisch in allernächster Zukunft ihre Sprache verdrängen wird.
- Der Geburtstag der Monarchin wird nicht an ihrem Geburtstag gefeiert.
- In den Niederlanden sieht man keine Wohnwägen mit niederländischen Kennzeichen -- im Gegensatz zum Rest von Europa.
- Technische Universitäten sind nicht gerade für ihr ausgewogenes Geschlechterverhältnis und lebendiges Kulturleben bekannt.
- Und zu guter Letzt: Ich hätte die Uni verlassen sollen, so lange es mir noch Spass machte.
Dienstag, 31. Mai 2011
Mal wieder (langsam hab ich Routine drin)
Nun, Wohnungssuche ist in Delft/Den Haag ein Alptraum. Erstens gibt es wenig bezahlbare Angebote, die ihr Geld auch wert sind (200 Euro für ein 6m^2 Zimmer -- kein Problem). Zweitens läuft hier fast nichts ohne Makler. Ergo, eine Monatsmiete geht als Kommission drauf. Wobei ich hier dieses mal extremes Glück hatte: via kamernet.nl, einem studentischen Wohnungsmarkt, hab ich jetzt nämlich ein Zimmer wieder direkt in der Altstadt gefunden. Ohne Maklergebühren. Leider ist es wieder so ein Zimmer in einem unrenovierten Altbau (Isolierung, war da was?) in einem typischen holländischen studentehuis. Sprich, ich teile Küche und Bad mit Mitbewohnern. Nicht so schlecht, aber abgesehen vom Badteilen scheint es kein wirkliches WG-Leben zu geben (meine Vormieterin konnte mir z.B. nichts über ihre Mitbewohner sagen -- das spricht ja Bände). Eigentlich hatte ich mir vor zwei Jahren geschworen, nie wieder in ein solches zu ziehen. Aber naja. Für ein paar Monate wird's wohl reichen.
Wenn ich es jetzt recht gezählt habe, ist das jetzt mein neunter Umzug in zehneinhalb Jahren. Positiv daran ist, dass ich jetzt schon beinahe im Schlaf meine Möbel demontieren kann. Die schlechte Seite daran ist, dass Billigmöbel häufiges umziehen nur bedingt verzeihen -- mein Bett konnte ich nach diesem Umzug nur mit viel Überredungskunst dazu überreden sich wieder einigermassen stabil zusammenbauen zu lassen.
Edit: Nur ein paar Minuten nachdem ich diesen Eintrag gepostet hatte, klingelte das Telefon. Am Apparat, ein besser anonym bleibender Immobilienmakler, den ich vor gut anderthalb Monaten wegen einer Wohnung per Mail kontaktiert hatte. Ja, also sie hätten erst jetzt meine Mail gesehen und wenn ich wollte, dann könnte ich morgen mir die besagte Wohnung anschauen. Dankend lehnte ich ab. Denn für solch prompten Service eine Monatsmiete Kommission zu zahlen, sehe ich schon gar nicht ein (abgesehen davon, dass ich keine neue Wohnung mehr brauche).
Sonntag, 27. Februar 2011
Schweizer sind auch überall
Montag, 24. Januar 2011
Alle Jahre wieder
Auch dieses Jahr habe ich mich ein paar mal aus den Nano- bzw. Festkörperphysik-Sessions rausgeschlichen um ein bisschen bei den Teilchenphysikern bzw. Fusionsforschern reinzuhören. Dabei fällt auf, wie viel geplanter die Forschung dort abzulaufen scheint. So wissen die Leute am CERN ganz genau, dass sie bis Ende des Jahres entweder das Higgs-Boson gefunden haben werden (ganz große Klasse, Nobelpreise für alle) oder aber wenigstens eine neue Obergrenze für die relevanten Parameter publizieren können (auch nett, aber diesmal keinen Nobelpreis). Ähnlich bei den Fusionsforschern, die auch eine ganz klare Roadmap haben: Noch zehn Jahre an JET rumspielen und den ITER bauen und dann das erste kommerzielle Fusionskraftwerk im Jahr 2035. Damit ist Fusionsenergie, nachdem sie sechzig Jahre lang stets fünfzig Jahre entfernt war, "nur noch" 25 Jahre entfernt. Mal sehen.
Definitives Highlight war der Abendvortrag am Dienstag. Bei Abendvorträgen spricht ein ehrwürdiger Forscher zum Plenum über sein Forschungsgebiet, und da liegt die Krux. Denn nicht alle Top-Forscher sind dazu in der Lage, ein Publikum nach langer Anfahrt, neun Stunden Konferenz und anschliessendem Abendessen noch zu fesseln (ein Beispiel hierzu sei der Sprecher von letztem Jahr, ein besser namenlos bleibender Nobelpreisträger). Doch nicht so Andrei Geim, der diesjährige Sprecher und nebenbei auch der Gewinner des diesjährigen Nobelpreises. Erst einmal, wofür bekam Geim den Preis: Geim hat Graphen entdeckt, was eine einatomige Lage aus Graphit ist -- genaugenommen sieht es, wenn man sich die Molekülstruktur anschaut, fast so aus wie ein Maschendrahtzaun. Graphen hat einige tolle Eigenschaften, die in Zukunft wohl in der Elektronik verwendet werden. Aber im Moment ist Graphen vor allem noch das Spielzeug vieler meiner Kollegen. Geims Vortrag (angeblich derselbe, den er in Stockholm gehalten hat) war dann ziemlich biographisch. Wie er aus Russland via die Niederlande schlussendlich nach Manchester gelangte und wie er oft durch Spielereien (er nennt sie "Friday Night Experiments") vielleicht nicht immer bedeutende Sachen entdeckte. So zum Beispiel die Sache mit dem Frosch: Jeder Stoff entwickelt ein magnetisches Moment, wenn man ihn ins Magnetfeld bringt (Pauliparamagnetismus). Nur normalerweise ist dieses klein und vernachlässigbar. Nicht jedoch, wenn man so ein richtig starkes Magnetfeld hat -- Geim hat dies demonstriert, in dem er einen Frosch im Magnetfeld schweben liess. Aber, um Tierfreunde zu beruhigen:
Before the animal rights activists in the audience start complaining: Let me assure you, the frog survived the experiment unharmed and was later happily reunited with his fellow frogs in the anatonomy course.Dieses "Friday Night Experiment" gab zwar noch nicht den Nobelpreis, aber immerhin den Ig-Nobelpreis (für Forschungen, die einen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen). Aber das ultimative "Friday Night Experiment" war dann wohl die Entdeckung von Graphene selbst, denn was ist Graphen? Eigentlich ist es ja nur eine Atomlage Graphit (also.. ähem.. Kohle). Wenn man diese einfach mit einem Klebeband abziehen könnte... Um eine lange Geschichte kurz zu halten: In der Tat, bis heute stellt man Graphene mit der "scotch tape method" her, sprich man pappt Tesafilm auf ein Graphitkristall, zieht ihn ab und hofft, dass man dabei nur eine Atomlage Kohlenstoff mitnimmt. Scheint zu funktionieren. Einen Nobelpreis für kreative Anwendung von Tesafilm, simpler geht's nicht mehr.
Mittwoch, 10. November 2010
Zum Glück Naturwissenschaftler!
In Konstanz gab es immer das Gerücht, es gebe Exkursionen der Architekturstudenten von der FH an die Uni, um zu studieren, was so gebaut wurde wie es eigentlich nicht gebaut werden hätte sollen bzw. dürfen. Falls es in der Tat solche Exkursionen gibt, kann nun ein weiterer Programmpunkt hinzugefügt werden: Asbest in der Bibliothek verbauen ist keine gute Idee -- außer man will ein paar Jahrzehnte später alle Bücher abstauben. Und bei zwei oder so Millionen kann das eine Weile dauern.
Mittwoch, 20. Oktober 2010
Also, wenn die Sonne um die Erde.... Oder: päpstlicher als der Papst
Galileo was Wrong. The church was right: First annual conference on geocentrism.eine Konferenz, die übernächste Woche irgendwo in Indiana stattfinden soll. Wenn ich nichts besseres zu tun hätte, würde ich doch glatt dorthin gehen. Wobei, irgendwie sieht mir die Webseite eher aus wie eine lausig gemachte Werbeseite für ein Buch. Wohl zum Buch gehört dieses Statement:
Galileo Was Wrong is a detailed and comprehensive treatment of the scientific evidence supporting Geocentrism, the academic belief that the Earth is immobile in the center of the universe. Garnering scientific information from physics, astrophysics, astronomy and other sciences, Galileo Was Wrong shows that the debate between Galileo and the Catholic Church was much more than a difference of opinion about the interpretation of Scripture. Scientific evidence available to us within the last 100 years that was not available during Galileo's confrontation shows that the Church's position on the immobility of the Earth is not only scientifically supportable, but it is the most stable model of the universe and the one which best answers all the evidence we see in the cosmos.So, dieses Buch ist eine detaillierte und umfassende Darstellung der wissenschaftlichen Indizien für Geozentrismus (d.h. dass die Sonne um die Erde....). In diesem Fall wird es ja ziemlich kurz sein. Oder wie erklären es die Autoren, dass wir es mit einem vollkommen falschen Modell geschafft haben, die Bahnen von Raumsonden zum Rande des Sonnensystems auf Jahre im voraus korrekt zu berechnen? Und sonstige "Details", die die moderne Urknalltheorie bestätigen (Hubble Rotverschiebung und kosmische Hintergrundstrahlung anyone?), richtig hinzutricksen. Aber nun ja, was soll man auch in einem Buch über angebliche Wissenschaften erwarten, dessen Hauptautor nur einen Doktor in Theologie hat. Aber sei's drum.
Wenn man sich dann die Vortragsthemen für die Konferenz anschaut, weiss ich nicht, ob ich laut lachen oder mich vor Horror irgendwo verkriechen soll -- "Geocentrism. They know it but they're hiding it" hört sich ja noch nach klassischer Verschwörunstheorie an. Sicher: wir Wissenschaftler sitzen auf einem Berg von Beweisen, die auf ein Geschaffen-in-Sieben-Tagen-Sonne-dreht-sich-um-Erde-Universum hindeuten, aber wir veröffentlichen sie nicht um uns weiterhin Forschungsgelder zu sichern... Oder: "Scientific evidence: Earth in the center of the universe", "Carbon 14 and radiometric dating show young earth"... Da bleibt ja nichts aus dem Gruselkabinett der Pseudowissenschaften ausgespart.
Das ist ja so 1999
Also, wer erst einmal einen Absatz braucht um darzulegen, warum die Nachricht die wohl darunter irgendwo dann mal auftauchen soll wichtig ist, hat ja sowieso schon mal verloren. Zweitens, die gute Freundin meiner besten Freundin von jemandem, dessen Email an mich weiterweiterweiterweitergeleitet wurde, ist ja nicht wirklich eine Autorität auf die man hören muss. Und eine Anwältin ist ja auch keine Expertin fürs Internet -- was ja allein schon durchs weiterleiten dieser Nachricht bewiesen wurde. Und zum Thema "guter Freund eines Freundes": Mehrere gute Freunde von guten Freunden hatten ein Essay zum Thema "Was ist Mut?" in der Schule zu schreiben. Ihr jeweiliges Essay in voller Länge: "Das ist Mut." Seltsamerweise sind diese guten Freunde von guten Freunden jeweils in Deutschland, den Niederlanden und in den USA zur Schule gegangen. Ob die Schulbehörden voneinander abschreiben? Nun ja, genug abgeschwuffen. Weiter mit der Email:
Normalerweise sende ich keine Nachrichten dieser Art, aber diese Nachricht kommt von einer sehr guten Freundin meiner Freundin, diese ist Anwältin und es scheint eine interessante Möglichkeit zu sein. Wenn Sie sagt, dass es funktioniert, dann funktioniert es auch. Jedenfalls kann man nichts dabei verlieren.
Folgendes hat sie [wohl diese internetversierte Superanwältin, nehme ich an] mir erzählt: Ich bin Anwältin und ich kenne das Gesetz [wieder, Berufung auf total irrelevante Qualifikationen -- ich bin Physiker, Gehirnoperationen kann ich trotzdem immer noch nicht ausführen]. Das ist eine Tatsache. Täuscht euch nicht, AOL und Intel halten ihre Versprechen aus Angst, vor Gericht gebracht und mit Forderungen in Millionenhöhe konfrontiert zu werden.
Liebe Freunde, haltet dies bitte nicht für einen dummen Scherz.
Bill Gates verteilt gerade sein Vermögen. [Bravo! Das stimmt: Bill and Melinda Gates Foundation] Wenn ihr darauf nicht reagiert, könnte es Euch später leid tun [Oha, jetzt wird schon ein bisschen gedroht]. Windows ist noch immer das am häufigsten
genutzte Programm [für was? Viren?]. Microsoft und AOL[vorher war noch von Intel und AOL die Rede. Was nun?] experimentieren gerade mit diesem per e-Mail versandten Text (e-mail beta test) Wenn ihr diese Mail an Freunde versendet, kann und wird Microsoft zwei Wochen lang euren Spuren folgen. [hehe, nicht mit mir.. TuX rules!] Für jede Person, die diese Nachricht versendet, zahlt Microsoft 245 Euro. Für jede Person, der ihr diese Nachricht geschickt habt und die sie weiterleitet, bezahlt Microsoft 243 Euro. Für die dritte Person, die sie erhält, bezahlt Microsoft 241 Euro. [wow, die Vergütungen sind gestiegen! Vor zehn Jahren gab's angeblich 10 Mark pro Mail... Diese elendige Inflation..]
Nach zwei Wochen wird sich Microsoft mit der Bitte um Bestätigung der Postanschrift an Euch wenden und euch einen Scheck schicken.
So, in der Email kommen jetzt noch ein paar herzerwärmende Geschichten, wieviel Kohle man mit diesem tollen E-Mail-Beta-Bill-Gates-spendiert-einen-Test verdienen kann. Aber das übergehe ich mal. Sei nur erwähnt: Tante Patrizia der guten Freundin der besten Freundin von jemandem, dem diese Email weiterweiterweiterweiterweiterweitergeleitet wurde bekam angeblich 4324,43 Euro. Woher die Centbeträge bei den runden Beträgen pro Email kommen, weiss ich jetzt auch nicht. Kann man etwa Bruchteile einer Email versenden? Hm, falls ja, muss ich mal nachschauen, wie man das macht.
Mittwoch, 1. September 2010
Fahrkartenkauf leichtgemacht
People who champion complicated tasks, are usually admired by their contemporaries. Neurosurgeons, for example, manage to poke around your brain without (at least on their good days) messing you up too much -- a task, the less motorically gifted among us completely suck at. Therefore we admire those who champion it. On a similar footing we should admire those people who have a grasp of the fare system and ticket machines of Deutsche Bahn, Germany's railway company -- not because buying a ticket requires outstanding motorical skills, but because you need to complete a decision tree of astounding complexity in order to do so.
Buying a train ticket sounds simple enough: You just have to know where you want to go when. Well, that's not even half of the story -- at least in Germany at ticket machines. Do you happen to have a 25 per cent discount card for second class? Or a 25 per cent discount card for first class? Or the 50 per cent discout card for either first or second class? No? So maybe you have
a 100 per cent reduction card? And while we are at it: What kind of train do you want to take? The regional IRE, S or RE trains, some intercity or eurocity train, or even the highspeed ICE train? Do you want to leave now, today or somewhen else? Oh, and by the way, do you need a connecting ticket for public transport at your destination? And last but not least, are you interested in collecting bonus points? And finally: How do you want to pay? Cash? Credit or debit card? Or you want to be billed via your discount card? If cash, be advised that most ticket machines only accept bills worth 20 Euros or less, and even those only very reluctantly. Plus, all change is given in one Euro coins or less -- you'll win a checkpot! Well, that was just to give you a flavor how it is to buy a simple train ticket at a machine in Germany.
But we haven't even scratched the surface. Take for example a bike with you. After going through with selecting your flavour of discount card, destination and favourite train type, you end up with a ticket for you, but not a ticket for your bicycle -- those are found in a very obvious location: Select "Special Tickets", then "Regional Tickets" followed by "Leisure time tickets" or something similar outrageous in the main menu. Crazy isn't it? Or another thing: In many areas all public transport (trains, buses, subway, donkeys..) are integrated into some regional public transport network. That means, that while outside the area of whatever public transport in question you can buy a ticket from every place in the network's area to any other, you can't while you are in it. Then, the ticket machines will still collect all information (25, 50 or 100 per cent discount card for either first or second class, a desire for bonus points, the works) in order to inform you just when you get ready to pay that you are not at the right machine. The ticket machine for your local public transport network is somewhere else -- usually in some remote, damp corner of the trainstation.
But that's still not enough. The real fun starts, when you try to safe money by looking for special offers. You can safe tons of money by buying tickets which are restricted to specific connections. However, the logic according to what connections are cheaper cannot be the human one. Take for example a trip from my hometown Friedrichshafen to Cologne. The simplest way is taking the
daily intercity and six hours later you are there. But last time I took this route, I got hold of a cheaper special ticket by leaving my hometown five minutes after the intercity in a regional train, changing after an hour in Ulm to some random intercity and finally change again in Stuttgart (the next stop after Ulm) to the intercity that has just left my hometown five minutes before me (why a connection involving a regional train that stops in every village on the way is faster than an intercity on the same itinerary is yet another thing that baffles me). Summary: five minutes travel time and almost half of the full price saved for the price of two changes. But one can even save more money, if one is masochistic enough to limit ones journey to regional trains only. Because then, you also have the option to buy flat fee tickets (the mysterious Schöne-Wochende-Ticket and Länder-Tickets) and then travel all day long or till you can't take it any more -- in my experience, the former usually comes first.
So let me slowly stop. I guess I have sufficiently demonstrated, that making the right decision when it comes to buying the right train ticket in Germany, it takes at least the intellectual capability of a moderately intelligent genius. If you don't have that capabillity, you either pay too much, spend hours in front of the ticket machine or are kicked out of the train by German railway's friendly staff for having a ticket but not quite the right one. Wonder why I still love taking trains -- either I am just a masochist and don't want to miss out on that experience or I love the intellectual challenge of going through the ticket acquisition process, which is a welcome change from the theoretical physics I do every day.
P.S.: An niederländischen Automaten kriegt man sein Ticket innerhalb von 30 Sekunden: Einfach oder Rückfahrticket, Ziel, Klasse, Bonuskarte ja/nein und Zahlungsmethode in einem einzigen Schirm auswählen, PIN eingeben und fertig. Es geht also.
Montag, 12. Juli 2010
Wereldkampioen? Niet 2010.
Die Niederlande sind im Finale! Für alle in Deutschland, die noch vor vier Jahren "Ohne Holland fahrn' wir nach Berlin" gesungen haben, mag das ein Schock gewesen sein. Für mich hier in Delft hat das bedeuted, noch ein paar Tage länger in einer Umgebung mit viel zu vielen orange gekleideten Menschen zu leben. Einer meiner Nachbarn hatte eine riesige orange Fahne mit "Hup! Hup! Holland!" im Fenster hängen, ein anderer hat das Geländer in unserem Haus kunstvoll mit Wimpeln verziert (um nicht zu sagen: verpackt). Und an der Uni war die WM Kaffepausengesprächsthema Nummer eins.
Da anscheinend keine Ausreden gültig war, das Finale nicht anzuschauen, "musste" ich mich wohl oder übel mit ein paar Freunden auf dem Marktplatz treffen. Unser Plan, eine Stunde früher am Markt zu sein, um noch einen Sitzplatz in einem der vielen Cafes zu erwischen, war natürlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt -- alle Sitzplätze belegt, wohl von Leuten, die schon seit dem Morgen hier waren. Daher also: Stehen, in siebter Reihe oder so. Nun gut. Dankenswerter weise hat Francois einen holländische Fanhut mitgebracht, so dass ich doch nicht der einzigste un-orangene bin:

Kurz vor dem Anpfiff, die erste neue Erkenntnis dieser anthropologische Feldforschung: In den Niederlanden steht man vor dem Spiel auf und singt die Nationalhymne -- auch wenn man eigentlich nur Fernseh schaut. Zum Glück aber hat sich wohl die FIFA damit begnügt, nur die erste Strophe abzuspielen, denn sonst wäre das Spiel wohl etwas später losgegangen. Denn: nach Wikipedia hat "Het Wilhelmus" 15 (!) Strophen. Da wären wir wohl um neun noch nicht fertig gewesen.
Zum Spiel, oder besser gesagt zu den Fans, die das Spiel angeschaut haben: Bekanntlich leiden Fans ja unter einem Realitätsverlust. So auch in Delft: Da pflügt ein niederländischer Spieler seinen spanischen Gegner in Grund und Boden, und der Schiri hat dann die Frechheit, doch tatsächlich eine gelbe Karte zu zeigen. Dabei weiss doch jeder (zumindestens in Delft auf dem Marktplatz), dass das doch alles grundehrliche Jungs sind, die nun eben mit einem schlecht gelaunten, blinden, herzlosen Schiedsrichter gestraft sind. Aber als der Wind eines vorbeieilenden spanischen Spielers nur das Trikot eines Oranje bewegt, da schrien tausend Kehlen "rood!". Natürlich waren alle Zuschauer hier auch die besseren Schiedsrichter.
Die fiale Erkenntnis meiner Feldforschung: Den Weltmeisterpokal in den Händen der Spanier zu sehen, scheint den meisten Holländern physischen Schmerz zu bereiten. Denn kaum war der Schlusspfiff ertönt, da schaltete der Wirt in unserem Cafe mit einem "Das kann ich mir beim besten Willen nicht ansehen"-Ausdruck auf dem Gesicht den Fernseher aus. Auch unser Versuch im Nachbarlokal weiterzuschauen fand ein vorzeitiges Ende -- hier war es ein Gast, der den Stecker zog.
Jetzt bin ich noch gespannt auf meine beiden Mitbewohner (sind gerade im Urlaub bzw. auf Praktikum). Denn der eine ist Spanier, der andere Holländer. Mal sehen ob die noch miteinander reden...
Samstag, 10. Juli 2010
Visitenkarten mit LaTeX
Sieht gut aus, oder? Also, wer Lust hat, kann sich den Sourcecode herunterladen und damit herumspielen. Im Angebot wären folgende Quelldateien:Die Installation ist einfach: Kopiere sbcard.ins und sbcard.dtx in ein Verzeichnis, führe einmal "latex sbcard.ins" aus. Dies produziert die Dateien sbcard.sty (die Paketdatei), sbcard_doc.tex (die Dokumentation, wer nicht den Quelltext lesen will, kann sie ja nochmal durch LaTeX jagen..), example.tex (das Beispiel) und zwei Hilfsdateien mit der Endung *.card. Viel Spass beim TeXen!
Montag, 5. Juli 2010
Unterhaltung der seltsamen Art
Montag, 21. Juni 2010
Wo komm ich her?
Zimmergenossen und manchmal ergibt sich eine nette Unterhaltung. So auch in Aachen. Mein Zimmergenosse war ein Franzose (den Namen habe ich inzwischen schon wieder vergessen..) und wir reden einige Zeit darüber, wo wir herkommen und so weiter und so weiter. Nach einiger Zeit bemerkt er dann (wir haben uns auf Deutsch unterhalten), mein Deutsch wäre ja sehr gut, ich könnte ja beinahe für einen Muttersprachler durchgehen. Danke für das Kompliment, Hochdeutsch ist ja in der Tat meine erste Fremdsprache, meine Muttersprache ist ja tiefstes Oberschwäbisch (das kann ich sogar anhand historischer Tonbandaufnahmen belegen). Aber eigentlich ist das Problem ja ein ganz anderes: Auf seine Frage, wo ich herkomme, habe ich ohne viel Nachzudenken "Delft, liegt bei Den Haag" geantwortet. Stimmte ja auch in wahrsten Sinn des Wortes. Aber ist es auch "zu Hause"? Jein. Wenn ich in Delft Freunden von irgendwas "back home" erzähle, meine ich Friedrichshafen. Aber wenn ich in Friedrichshafen bin, meine ich mit "daheim" natürlich Delft. So weit, so konfus. Wobei wir uns jetzt in Delft (die meisten meiner Freunde haben ja das gleiche Problem) eine semantische Brücke gebaut haben: wir unterscheiden "home" und "home home" -- ersteres wäre Delft, letzteres (in meinem Fall) eine gewisse Metropole 1000 km rheinaufwärts.
Freitag, 21. Mai 2010
Langweilig
Ich sitze auf meinem Stuhl und ich schaue aus dem Fenster, [Sicht, je nach Smog: 5km oder 0 Meter]
und ich stell' mir wieder mal die alten Fragen: Wo komm ich her? [ Delft oder Friedrichshafen?] Wo geh' ich hin? [bald zurück nach Delft, aber dann?] Und wie viel Zeit werd' ich noch haben? [die Antwort hier ist klar: Noch 370 Tage bis zum Ende meines Vertrages]
Ich denke nach über die Welt,
über das was wirklich zählt. [Physik, was sonst?]
Ich weiß genau, was mich so quält. [leider auch die Physik -- denn als Wissenschaftler ist man ja auch immer ein bisschen Masochist]
Ich bin genervt, ich bin frustriert, [wieso wollte mir die Mathematik heute partout nicht gehorchen?],
weil hier einfach nichts passiert, [gucke zum Zweiten mal Staffeln 1-3 von The Big Bang Theory]
weil hier nie etwas passiert. [kein großes Nachtleben in der Nähe meines Wohnheims -- wenn man mal vom Autoverkehr vor meinem Fenster absieht]
Und ich schau wieder auf die Uhr. [Mist, immer noch nicht Zeit, ins Bett zu gehen][Und daher:] Mir ist langweilig,
sterbenslangweilig,
mir ist langweilig,
ohne Dich, ohne Dich.
Scheiße langweilig,
mir ist langweilig,
so stinklangweilig,
ohne Dich, ohne Dich
ist mir langweilig.
Sieben Wochen in China! Shanghai! Und das als Dienstreise als gemeiner Doktorand hört sich großartig an und ist es auch. Aber es hat auch eine langweilige Seite: Denn was macht man jeden Abend, nachdem man in sein karg möbliertes Zimmer im Wohnheim zurückgekehrt ist, es aber noch nicht Zeit ist ins Bett zu gehen? Genau: Nichts. Nach vier Wochen hier, haben Fatemeh, meine aus Delft mitgebrachte Kollegin, und ich sämtliche Anekdoten aus unseren Leben gegenseitig erzählt. Politik und Geschichte unsere Herkunftsländer sind ausführlichst diskutiert und sowohl mit den Niederlanden als auch China verglichen worden. Die Shopping Mall in der Nähe ausführlichst erkundigt -- nicht, dass ich etwas bräuchte. Und nun hat die abendliche Langeweile einzug gehalten. Ich schaue mich zum wiederholten male durch "The Big Bang Theory", erkundige die exotischeren Teile meiner Musiksammlung (Erkenntnis: Lou Reed ist gar nicht so schlecht), schaue aus dem Fenster und langweile mich, bis es Zeit ist ins Bett zu gehen. Das wäre jetzt.
Dienstag, 20. April 2010
Jahr ohne Sommer
Allerdings ist dieses gegenwärtige "Vulkanproblem" doch eher ein kleines -- egal wieviel Reisende jetzt auf Flughäfen festsitzen. So hatte zum Beispiel 1815 der Ausbruch eines Vulkans in Indonesien (für die Geographiexperten und Atlasfetischisten: Tambora) viel gravierendere Folgen: Einen "vulkanischen Winter" oder eben ein Jahr ohne Sommer. Auf Wikipedia (Autor Giorgiogp2)findet man zum Beispiel diese Karte der Durchschnittstemperaturen 1816 im Vergleich zum langjährigen Mittel:

Zwei oder drei Grad mögen sich nicht viel anhören, aber Schnee bis in die tiefen Lagen im Sommer und damit verbundene Missernten hören sich schon weniger lustig an. Ein weiterer Nebeneffekt des Jahres ohne Sommer war dann auch 1817 -- damals schmolz ja praktisch der Schnee zweier Winter in den Alpen -- der höchste jemals gemessene Wasserstand im Bodensee: 636 cm, fast 70 cm mehr als beim großen Hochwasser 1999 (565 cm, der mittlere Wasserstand liegt bei 341 cm, siehe auch hier) -- und damals, das kann ich bezeugen, konnte man knietief im Wasser stehend den Badesteg im Häfler Strandbad hinauswaten.
Sonntag, 14. März 2010
Russel, Cantor, Gödel und Kollegen
Auftritt Cantor: Cantor entwickelte gegen Ende des neunzehnten Jahrhundert die Mengentheorie. Wobei eine "Menge" eine in Cantors Worten wie folgt definiert ist:
Unter einer Menge verstehen wir jede Zusammenfassung M von bestimmten wohlunterschiedenen Objekten m unserer Anschauung oder unseres Denkens (welche die Elemente von M genannt werden) zu einem Ganzen.Zwei Mengen haben nun die gleiche Anzahl von Elementen -- man spricht hier auch von "Mächtigkeit" -- wenn man jedem Element der einen Menge eindeutig ein Element der anderen Menge zuordnen kann. So gelang es Cantor zu zeigen, dass es verschiedene Arten von Unendlichkeit gibt. So hat zum Beispiel die Menge aller geraden Zahlen die gleiche Mächtigkeit wie die Menge aller ganzen Zahlen (Integer), da man jeder geraden Zahl ja eine ganze Zahl zuordnen kann -- zwei ist die erste gerade Zahl, vier die zweite und so weiter. Somit ist also die Menge der geraden Zahlen "abzählbar". Ist das nun schon alles? Nein, denn es gibt Mengen, die "überabzählbar" sind, also Mehr Elemente haben als die natürlichen Zahlen. Beispiel gefällig? Zum Beispiel alle reellen Zahlen zwischen 0 und 1. Das kann man einfach durch "reductio ad absurdum" beweisen. Sprich, wir zeigen, dass wenn wir die Aussage als wahr annehmen, in einen Widerspruch geraten. Nehmen wir also an, wir könnten also alle rellen Zahlen zwischen 0 und eins abzählen. So zum Beispiel: 0.234324324 ...-> 1, 0.483543859...-> 2, 0.7777777777... -> 3 und so weiter. Nehmen wir uns jetzt die Zahl vor, deren erste Ziffer um eins größer ist als die erste Ziffer der ersten Zahl, die zweite Ziffer um eins größer ist als die zweite Ziffer der zweiten Zahl usw., sprich 0.398... Haben wir diese Zahl schon gezählt? Nein, diese Zahl stimmt nie mit allen Ziffern der gezählten Zahlen überein. Daher muss es also mehr reelle Zahlen als natürliche Zahlen geben. Und damit war auch gezeigt, dass "unendlich ist eine verdammt große Zahl" nicht eine mathematisch Korrekte Definition ist.
Mit der Mengentheorie kommen wir auch zu Bertrand Russel, der so etwas wie die Hauptperson von Logicomix ist. Genaugenommen bildet ein von ihm gehaltener Vortrag, in dem er sowohl sein eigenes Leben als auch die Entwicklung der mathematischen Grundlagen betrachtet, den Rahmen der ganzen Geschichte. Der Comic folgt ihm bei seinen Besuchen bei Cantor und Frege (einem anderen Grundsteinleger der Mathematik) und seinen eigenen Forschungen dazu. Denn die Mengenlehre half zwar, genau zu definieren, was unendlich bedeutet, doch ein neues Problem wurde durch Russel entdeckt: Russels Paradox. Denn nach dem damaligen Stand der Dinge, gerät man in Widersprüche, wenn man die Menge aller Mengen betrachtet, die sich nicht selbst enthalten. Denn diese Menge müßte sich ja dann auch selbst enthalten. Autsch, da scheint etwas nicht zu stimmen. Russels Beitrag zur Mathematik bestand nun darin, diesen Widerspruch zu lösen und in ungefähr vierhundert Seiten der "Principia Mathematica" zu beweisen, dass 1+1=2 ist. Das aber sauber und logisch konsistent.
Logicomix und auch die Entdeckung der Grundlagen der Mathematik schließen mit Kurt Gödel, der 1935 seinen "Unvollständigkeitssatz" bewies. Anfang des Jahrhunderts hatte David Hilbert noch vorgeschlagen, dass man die Widerspruchsfreiheit logischer Systeme beweisen sollte. Sprich, zu beweisen, dass es man rein hypothetisch jede Aussage beweisen oder wiederlegen kann. Doch Gödel konnte nun zeigen, dass jedes System von Axiomen (Grundannahmen) Aussagen zuläßt, die weder bewiesen noch wiederlegt werde können.
Nun, um zu einem Schluss zu kommen: Ich fand Logicomix richtig unterhaltsam und habe vielleicht noch das ein oder andere (wieder)gelernt. Auf jeden Fall erfährt man einiges über Mathematik und diejenigen, die selbige betreiben. Und da es ja ein Comic ist, ist es einfach zu lesen. Leider zu einfach, denn ein knapper Nachmittag reicht um einmal Logicomix durchzulesen.
Und für mathematische Laien, die bis hierher gekommen sind: Es ist sicherlich kein Fachbuch -- dennn DAS wäre sicherlich revolutionär, ein Fachbuch in comicform.
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Apostolos Doxiadis, Christos Papadimitriou, Alecos Papadatos, Anni de Donna: Logicomix, Bloomsbury Publishing
www.logicomix.com
Montag, 1. März 2010
Sachen gibt's
2003: Pennsylvania Governor Ed Rendell declares April 26 NationalIch habe ja schon immer geahnt, dass mein Geburtstag eines Tages zum Feiertag erklärt wird. Aber dass es tatsächlich schon geschehen ist, war mir neu. Und natürlich haben sie meinen Nachnamen falsch geschrieben. Es sollte natürlich "National Bretzel Day" und nicht "National Pretzel Day" heissen. Und ausserdem sollte es ja sicherlich heissen "...to acknowledge the importance of the Bretzels" ;-)
Pretzel Day to acknowledge the importance of the pretzel to the
state's history and economy.
Sonntag, 21. Februar 2010
Zu "Schön" um wahr zu sein
Schön promovierte 1997 in Konstanz und wechselte dann zu den Bell Labs in New Jersey. Die Bell Labs haben (vielleicht muss man eher sagen "hatten") einen beinahe mysthischen Ruf: So wurde dort zum Beispiel die Radioastronomie begründet (Jansky, 1932), der Transistor entwickelt (Shockley, 1947) und die kosmische Hintergrundstrahlung entdeckt (Arno und Penzias, 1962). Also kurz: ein großartiger Schritt für einen frisch gebackenen Doktor der Physik. Jedoch waren die Bell Labs Ende der neunziger, Anfang der 2000er Jahre in einer tiefen Krise, nachdem sie erst von AT&T an Lucent verkauft, dann weiter aufgespalten wurden und die Grundlagenforschung mehr und mehr zurückgefahren wurde.
Es ist schwer zunächst schwer zu begreifen, wie es Schön gelang nicht nur die Fachwelt, sondern selbst seine Koautoren hinters Licht zu führen. Aber im Laufe des Buchs wird es einem klar, dass Schön geschickt Lücken nutzte und eben Ergebnisse lieferte, die einfach erstklassig zu sein schienen. Ich kann mir gut vorstellen, dass seine Vorgesetzten bei den Bell Labs jede Meldung liebend für ihre Zwecke nutzten -- um eben in wirtschaftlich schweren Zeiten weiterhin die Grundlagenforschung zu rechtfertigen. Auch nutzte Schön weiterhin Ausrüstung in Konstanz, um einen entscheidenden Bearbeitungsschritt durchzuführen (das Aufbringen der elektrischen Kontakte auf die Kunststoffkristalle, die er untersuchte) . Auf jeden Fall hatten seine Aktivitäten in Konstanz den netten Nebeneffekt, dass er dort ungestört arbeiten konnte -- oder besser gesagt fälschen konnte, denn der in Konstanz durchgeführte Bearbeitungsschritt stellte sich als fiktiv heraus. Denn offiziell war er ja nicht mehr Mitglied am Lehrstuhl Bucher noch arbeitete er an relevanten Fragen für diesen. Und da seine Mitautoren in New Jersey in den Bell Labs sassen, war auch die Wahrscheinlichkeit gering, dass einer von ihnen mal vorbeischauen würde -- "show me how it works, buddy". Kurz gesagt, eine ideale Konstellation um Forschung zu fälschen.
Schön's Fehlverhalten wurde -- wie so oft bei unehrlichem Verhalten -- durch eine gute Mischung von Übertreibung und Nachlässigkeit von Seiten Schöns bemerkt. Zum einen veröffentlichte er bis zu sieben (!) Artikel im Monat -- größtenteils in den sehr angesehen Zeitschriften Nature und Science --, zum anderen beging er offensichtliche Nachlässigkeitsfehler bei seinen Fälschungen, z.B. benutzte nicht zutreffende theoretische Modelle um seine "Meßdaten" zu fabrizieren oder nutzte die gleichen Messwerte für total verschiedene Experimente. Also Dinge, die einfach den Experten früher oder später auffallen mussten.
Leider, aber das geht wohl nicht anders da natürlich Schön für dieses Buch nicht zur Verfügung stand, erfährt man relativ wenig über ihn und seine Gedanken und Motive. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass er darauf spekulierte, dass seine Ergebnisse von anderen reproduziert würden und er quasi als Pionier eines Fachgebiets in die Geschichte eingehen würde. Doch muss ihm aber auch von Anfang an klar gewesen sein, welche Risiken sein Verhalten trägt. Von den schlaflosen Nächten, die ich wegen meiner (ehrlichen!) Forschungsarbeit habe, gehe ich davon aus, dass er unter enormen Stress gestanden haben muss -- wenn zu den üblichen Sorgen ("Macht es Sinn, was ich mache?", "Hat das schon jemand gemacht?" etc. etc.) noch die Angst vor der Aufdeckung hinzukommt.
Das schlimmste an Forschungsskandalen ist meiner Meinung nach nicht das Verbreiten falscher Resultate, denn das wird früher oder später -- wenn sich die Experimente nicht reproduzieren lassen -- aufgedeckt, sondern darin, dass wissentlich die Karrieren von anderen Wissenschaftler geschadet wird. Denn Fälschungen wie die von Schön führen dazu, dass etliche Doktoranden buchstäblich Jahre darauf verwenden, Ergebnisse zu reproduzieren, die es noch nie gab. Mit allen Konsequenzen wie Frustration, wenigen Publikationen und so weiter.
Was noch ganz nett an Reich's Buch war, ist dass etliche Leute darin auftauchen, die ich kenne. Neben Prof. Bucher noch Prof. Dieterich in Konstanz(er leitete die Konstanzer Untersuchungskommission, ich habe bei ihm meine Diplomprüfung abgelegt) sowie Leo Kouwenhoven und Teun Klapwijk in Delft. Und Schön? Das letzte mal war er in den Nachrichten, als die Universität Konstanz letzten Herbst beschloss, ihm endgültig den Doktortitel abzuerkennen -- nicht, weil er bei seiner Doktorarbeit schon gefälscht hatte, sondern weil er sich des Tragens des Titels als unwürdig erwiesen hat. Und das hat er in der Tat.
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Eugenie Samuel Reich: Plastic Fantastic -- How the biggest fraud in physics
shook the scientific work
Oder auch: Andrea Neica-Loebell, Schön die Wissenschaft zum Narren gehalten, Telepolis (2002)
Ich bin seit Juni 2007 Doktorand an der TU Delft, Niederlande. Neben (theoretischer) Physik interessiere ich mich für Politik, Bücher aller Art und Radfahren. Für weiteres, siehe meine