Stefans Abenteuer im Land der fehlenden Berge und in der Physik
Über mich
StefanIch bin seit Juni 2007 Doktorand an der TU Delft, Niederlande. Neben (theoretischer) Physik interessiere ich mich für Politik, Bücher aller Art und Radfahren. Für weiteres, siehe meine Homepage.
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Dienstag, 20. Dezember 2011

Hora est

Hora est. Time's up. De tijd is verstrecken. Fertig. Aus.

Seit 11 Uhr bin ich Doktor -- denn da kam die freundliche Pedel (Protokollarbeamtin der Uni) mit ihrem Zeremonialstab in den Raum, rammte ihn ein paar mal auf den Boden und es war "Hora est". Und die Prüfung war rum und fünfzehn Minuten später kam meine Prüfungskomission mit meiner Doktorurkunde zurück. Da ich noch immer unter einem ziemlichen Adrenalinrausch stehe (Doktorprüfungen geben anscheinend einen besseren Kick als alles andere,was ich kenne) und daher die Gefahr besteht Sachen zu schreiben, die ich ganz bei Sinnen nie schreiben würde, mach ich jetzt hier Schluss.

P.S.: Bitte sprecht mich in Zukunft ja nicht mit Dr. Bretzel an. Ich bin, war und werde immer der Stefan bleiben.

P.P.S: Heute Abend schmeiss ich für meine Kollegen und Freunde ne Party in Delft. Die Tradition will es, dass sie einen Beitrag (meistens Quiz) vorbereiten, in dem ich ordentlich durch den Kakao gezogen werde. Bin schon gespannt darauf.

Montag, 24. Januar 2011

Alle Jahre wieder

Holländische Physiker müssen Bosonen sein, denn wenn es besonders kalt wird -- das heisst so ungefähr in der dritten Januarwoche -- finden sie sich schlagartig alle im gleichen Grundzustand, dem "FOM-Tagungszustand", wieder. Der Experte bezeichnet diesen Vorgang bekanntermassen als "Bose-Einstein-Kondensation". So auch dieses Jahr. Nach einem montäglichen Posterausdruckmarathon (inklusive "Hilfe, das Papier geht aus"-Drama) ging es dann Dienstags nach Veldhoven, einem Vorort von Eindhoven, zu den alljährlichen FOM-Tagen (Stichting FOM -- Stichting Fundamenteel Onderzoek der Materie, ist die holländische Forschungsorganisation die viele, unter anderem auch meine, Doktorandenstellen finanziert). Darüber, ob nun Veldhoven an sich eine Reise Wert ist, kann ich auch nach meinem vierten Besuch noch nicht qualifiziert beurteilen. Denn alles was ich bisher dort gesehen habe, ist das Tagungshotel. Und selbst dort entdecke ich jedes Jahr noch unbekannte Flügel. Nun ja, die FOM-Tage sind riesig, ungefähr 1500 Teilnehmer, also eigentlich alles was in den Niederlanden lebt und grob weiss, was Physiker so machen (die machen doch so was mit Atombomben, richtig?). Aber ich mag die FOM-Tage, denn 1) sie sind wahrlich Fächerübergreifend und 2) man trifft manche Bekannte nur einmal im Jahr und zwar dort.

Auch dieses Jahr habe ich mich ein paar mal aus den Nano- bzw. Festkörperphysik-Sessions rausgeschlichen um ein bisschen bei den Teilchenphysikern bzw. Fusionsforschern reinzuhören. Dabei fällt auf, wie viel geplanter die Forschung dort abzulaufen scheint. So wissen die Leute am CERN ganz genau, dass sie bis Ende des Jahres entweder das Higgs-Boson gefunden haben werden (ganz große Klasse, Nobelpreise für alle) oder aber wenigstens eine neue Obergrenze für die relevanten Parameter publizieren können (auch nett, aber diesmal keinen Nobelpreis). Ähnlich bei den Fusionsforschern, die auch eine ganz klare Roadmap haben: Noch zehn Jahre an JET rumspielen und den ITER bauen und dann das erste kommerzielle Fusionskraftwerk im Jahr 2035. Damit ist Fusionsenergie, nachdem sie sechzig Jahre lang stets fünfzig Jahre entfernt war, "nur noch" 25 Jahre entfernt. Mal sehen.

Definitives Highlight war der Abendvortrag am Dienstag. Bei Abendvorträgen spricht ein ehrwürdiger Forscher zum Plenum über sein Forschungsgebiet, und da liegt die Krux. Denn nicht alle Top-Forscher sind dazu in der Lage, ein Publikum nach langer Anfahrt, neun Stunden Konferenz und anschliessendem Abendessen noch zu fesseln (ein Beispiel hierzu sei der Sprecher von letztem Jahr, ein besser namenlos bleibender Nobelpreisträger). Doch nicht so Andrei Geim, der diesjährige Sprecher und nebenbei auch der Gewinner des diesjährigen Nobelpreises. Erst einmal, wofür bekam Geim den Preis: Geim hat Graphen entdeckt, was eine einatomige Lage aus Graphit ist -- genaugenommen sieht es, wenn man sich die Molekülstruktur anschaut, fast so aus wie ein Maschendrahtzaun. Graphen hat einige tolle Eigenschaften, die in Zukunft wohl in der Elektronik verwendet werden. Aber im Moment ist Graphen vor allem noch das Spielzeug vieler meiner Kollegen. Geims Vortrag (angeblich derselbe, den er in Stockholm gehalten hat) war dann ziemlich biographisch. Wie er aus Russland via die Niederlande schlussendlich nach Manchester gelangte und wie er oft durch Spielereien (er nennt sie "Friday Night Experiments") vielleicht nicht immer bedeutende Sachen entdeckte. So zum Beispiel die Sache mit dem Frosch: Jeder Stoff entwickelt ein magnetisches Moment, wenn man ihn ins Magnetfeld bringt (Pauliparamagnetismus). Nur normalerweise ist dieses klein und vernachlässigbar. Nicht jedoch, wenn man so ein richtig starkes Magnetfeld hat -- Geim hat dies demonstriert, in dem er einen Frosch im Magnetfeld schweben liess. Aber, um Tierfreunde zu beruhigen:
Before the animal rights activists in the audience start complaining: Let me assure you, the frog survived the experiment unharmed and was later happily reunited with his fellow frogs in the anatonomy course.
Dieses "Friday Night Experiment" gab zwar noch nicht den Nobelpreis, aber immerhin den Ig-Nobelpreis (für Forschungen, die einen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen). Aber das ultimative "Friday Night Experiment" war dann wohl die Entdeckung von Graphene selbst, denn was ist Graphen? Eigentlich ist es ja nur eine Atomlage Graphit (also.. ähem.. Kohle). Wenn man diese einfach mit einem Klebeband abziehen könnte... Um eine lange Geschichte kurz zu halten: In der Tat, bis heute stellt man Graphene mit der "scotch tape method" her, sprich man pappt Tesafilm auf ein Graphitkristall, zieht ihn ab und hofft, dass man dabei nur eine Atomlage Kohlenstoff mitnimmt. Scheint zu funktionieren. Einen Nobelpreis für kreative Anwendung von Tesafilm, simpler geht's nicht mehr.

Mittwoch, 10. November 2010

Zum Glück Naturwissenschaftler!

Gerade stolpere ich bei Spargel Online über einen Artikel über die Uni Konstanz: Die Uni-Bibliothek (als vielgereister Kritiker von Universitätsbibliotheken immer noch meine liebste) ist bis auf weiteres geschlossen -- asbestverseucht ist sie (siehe Spargel Online hier, Südkurier hier, da, dort und dort). Als langjähriger Bewohner der naturwissenschaftlichen Bibliothek wusste ich schon immer, dass "unsere" Bib die schönere Bibliothek in Konstanz war. Und jetzt kommt noch ein weiterer Grund dazu: die Luft in der N-Bib ist wohl gesünder -- denn dort wurde (noch?) kein Asbest gefunden.

In Konstanz gab es immer das Gerücht, es gebe Exkursionen der Architekturstudenten von der FH an die Uni, um zu studieren, was so gebaut wurde wie es eigentlich nicht gebaut werden hätte sollen bzw. dürfen. Falls es in der Tat solche Exkursionen gibt, kann nun ein weiterer Programmpunkt hinzugefügt werden: Asbest in der Bibliothek verbauen ist keine gute Idee -- außer man will ein paar Jahrzehnte später alle Bücher abstauben. Und bei zwei oder so Millionen kann das eine Weile dauern.

Freitag, 21. Mai 2010

Langweilig

Ob nun Bela, Farin, Rod wirklich Gott sind, bleibt dahingestellt (ich persönlich bin in dieser Hinsicht Agnostiker). Aber zumindestens prophetische Fähigkeiten haben die Drei. Denn ihr Song "Langweilig" beschreibt meine gegenwärtige Situation ziemlich treffend:


Ich sitze auf meinem Stuhl und ich schaue aus dem Fenster, [Sicht, je nach Smog: 5km oder 0 Meter]
und ich stell' mir wieder mal die alten Fragen: Wo komm ich her? [ Delft oder Friedrichshafen?] Wo geh' ich hin? [bald zurück nach Delft, aber dann?] Und wie viel Zeit werd' ich noch haben? [die Antwort hier ist klar: Noch 370 Tage bis zum Ende meines Vertrages]
Ich denke nach über die Welt,
über das was wirklich zählt. [Physik, was sonst?]
Ich weiß genau, was mich so quält. [leider auch die Physik -- denn als Wissenschaftler ist man ja auch immer ein bisschen Masochist]




Ich bin genervt, ich bin frustriert, [wieso wollte mir die Mathematik heute partout nicht gehorchen?],
weil hier einfach nichts passiert, [gucke zum Zweiten mal Staffeln 1-3 von The Big Bang Theory]
weil hier nie etwas passiert. [kein großes Nachtleben in der Nähe meines Wohnheims -- wenn man mal vom Autoverkehr vor meinem Fenster absieht]
Und ich schau wieder auf die Uhr. [Mist, immer noch nicht Zeit, ins Bett zu gehen]



[Und daher:] Mir ist langweilig,
sterbenslangweilig,
mir ist langweilig,
ohne Dich, ohne Dich.
Scheiße langweilig,
mir ist langweilig,
so stinklangweilig,
ohne Dich, ohne Dich
ist mir langweilig.



Sieben Wochen in China! Shanghai! Und das als Dienstreise als gemeiner Doktorand hört sich großartig an und ist es auch. Aber es hat auch eine langweilige Seite: Denn was macht man jeden Abend, nachdem man in sein karg möbliertes Zimmer im Wohnheim zurückgekehrt ist, es aber noch nicht Zeit ist ins Bett zu gehen? Genau: Nichts. Nach vier Wochen hier, haben Fatemeh, meine aus Delft mitgebrachte Kollegin, und ich sämtliche Anekdoten aus unseren Leben gegenseitig erzählt. Politik und Geschichte unsere Herkunftsländer sind ausführlichst diskutiert und sowohl mit den Niederlanden als auch China verglichen worden. Die Shopping Mall in der Nähe ausführlichst erkundigt -- nicht, dass ich etwas bräuchte. Und nun hat die abendliche Langeweile einzug gehalten. Ich schaue mich zum wiederholten male durch "The Big Bang Theory", erkundige die exotischeren Teile meiner Musiksammlung (Erkenntnis: Lou Reed ist gar nicht so schlecht), schaue aus dem Fenster und langweile mich, bis es Zeit ist ins Bett zu gehen. Das wäre jetzt.

Sonntag, 21. Februar 2010

Zu "Schön" um wahr zu sein

Im Wintersemester 2002/2003 hörte ich Festkörperphysik bei Prof. Bucher in Konstanz. Prof. Bucher war damals das wohl prominenteste Mitglied des Fachbereichs Physik, mit etlichen Weltrekorden auf dem Gebiet der Solarzellenentwicklung. Leider lief ihm damals einer seiner ehemaligen Doktoranden -- Jan Hendrik Schön -- als berühmtester Physiker mit Konstanz-Connection den Rang ab. Und das war nicht gut, denn Schön wurde dadurch prominent, dass er -- um ein sehr stark strapaziertes Wortspiel zu benutzen -- Daten geschönt hatte. Immerhin brachte es ihm so eine Prominenz ein, dass es jetzt sogar ein Buch über den von ihm verursachten Forschunsskandal gibt (Eugenie Samuel Reich: Plastic Fantastic).

Schön promovierte 1997 in Konstanz und wechselte dann zu den Bell Labs in New Jersey. Die Bell Labs haben (vielleicht muss man eher sagen "hatten") einen beinahe mysthischen Ruf: So wurde dort zum Beispiel die Radioastronomie begründet (Jansky, 1932), der Transistor entwickelt (Shockley, 1947) und die kosmische Hintergrundstrahlung entdeckt (Arno und Penzias, 1962). Also kurz: ein großartiger Schritt für einen frisch gebackenen Doktor der Physik. Jedoch waren die Bell Labs Ende der neunziger, Anfang der 2000er Jahre in einer tiefen Krise, nachdem sie erst von AT&T an Lucent verkauft, dann weiter aufgespalten wurden und die Grundlagenforschung mehr und mehr zurückgefahren wurde.

Es ist schwer zunächst schwer zu begreifen, wie es Schön gelang nicht nur die Fachwelt, sondern selbst seine Koautoren hinters Licht zu führen. Aber im Laufe des Buchs wird es einem klar, dass Schön geschickt Lücken nutzte und eben Ergebnisse lieferte, die einfach erstklassig zu sein schienen. Ich kann mir gut vorstellen, dass seine Vorgesetzten bei den Bell Labs jede Meldung liebend für ihre Zwecke nutzten -- um eben in wirtschaftlich schweren Zeiten weiterhin die Grundlagenforschung zu rechtfertigen. Auch nutzte Schön weiterhin Ausrüstung in Konstanz, um einen entscheidenden Bearbeitungsschritt durchzuführen (das Aufbringen der elektrischen Kontakte auf die Kunststoffkristalle, die er untersuchte) . Auf jeden Fall hatten seine Aktivitäten in Konstanz den netten Nebeneffekt, dass er dort ungestört arbeiten konnte -- oder besser gesagt fälschen konnte, denn der in Konstanz durchgeführte Bearbeitungsschritt stellte sich als fiktiv heraus. Denn offiziell war er ja nicht mehr Mitglied am Lehrstuhl Bucher noch arbeitete er an relevanten Fragen für diesen. Und da seine Mitautoren in New Jersey in den Bell Labs sassen, war auch die Wahrscheinlichkeit gering, dass einer von ihnen mal vorbeischauen würde -- "show me how it works, buddy". Kurz gesagt, eine ideale Konstellation um Forschung zu fälschen.

Schön's Fehlverhalten wurde -- wie so oft bei unehrlichem Verhalten -- durch eine gute Mischung von Übertreibung und Nachlässigkeit von Seiten Schöns bemerkt. Zum einen veröffentlichte er bis zu sieben (!) Artikel im Monat -- größtenteils in den sehr angesehen Zeitschriften Nature und Science --, zum anderen beging er offensichtliche Nachlässigkeitsfehler bei seinen Fälschungen, z.B. benutzte nicht zutreffende theoretische Modelle um seine "Meßdaten" zu fabrizieren oder nutzte die gleichen Messwerte für total verschiedene Experimente. Also Dinge, die einfach den Experten früher oder später auffallen mussten.

Leider, aber das geht wohl nicht anders da natürlich Schön für dieses Buch nicht zur Verfügung stand, erfährt man relativ wenig über ihn und seine Gedanken und Motive. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass er darauf spekulierte, dass seine Ergebnisse von anderen reproduziert würden und er quasi als Pionier eines Fachgebiets in die Geschichte eingehen würde. Doch muss ihm aber auch von Anfang an klar gewesen sein, welche Risiken sein Verhalten trägt. Von den schlaflosen Nächten, die ich wegen meiner (ehrlichen!) Forschungsarbeit habe, gehe ich davon aus, dass er unter enormen Stress gestanden haben muss -- wenn zu den üblichen Sorgen ("Macht es Sinn, was ich mache?", "Hat das schon jemand gemacht?" etc. etc.) noch die Angst vor der Aufdeckung hinzukommt.

Das schlimmste an Forschungsskandalen ist meiner Meinung nach nicht das Verbreiten falscher Resultate, denn das wird früher oder später -- wenn sich die Experimente nicht reproduzieren lassen -- aufgedeckt, sondern darin, dass wissentlich die Karrieren von anderen Wissenschaftler geschadet wird. Denn Fälschungen wie die von Schön führen dazu, dass etliche Doktoranden buchstäblich Jahre darauf verwenden, Ergebnisse zu reproduzieren, die es noch nie gab. Mit allen Konsequenzen wie Frustration, wenigen Publikationen und so weiter.

Was noch ganz nett an Reich's Buch war, ist dass etliche Leute darin auftauchen, die ich kenne. Neben Prof. Bucher noch Prof. Dieterich in Konstanz(er leitete die Konstanzer Untersuchungskommission, ich habe bei ihm meine Diplomprüfung abgelegt) sowie Leo Kouwenhoven und Teun Klapwijk in Delft. Und Schön? Das letzte mal war er in den Nachrichten, als die Universität Konstanz letzten Herbst beschloss, ihm endgültig den Doktortitel abzuerkennen -- nicht, weil er bei seiner Doktorarbeit schon gefälscht hatte, sondern weil er sich des Tragens des Titels als unwürdig erwiesen hat. Und das hat er in der Tat.
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Eugenie Samuel Reich: Plastic Fantastic -- How the biggest fraud in physics
shook the scientific work

Oder auch: Andrea Neica-Loebell, Schön die Wissenschaft zum Narren gehalten, Telepolis (2002)

Donnerstag, 4. Februar 2010

Eine Delfter Erfindung

Es gibt Erfindungen, die wohl nur in gewissen Ländern gemacht werden können. Denn woanders würde die Idee wohl als totale Rotzidee der Selbstzensur zum Opfer fallen. Wie zum Beispiel diese Erfindung, die wohl nur in den Niederlanden gemacht werden konnte:

Ein Frachtfahrrad (siehe auch vrachtfiets.nl), mit dem man seinen Möbeleinkauf nach Hause fahren kann. Denn was machen die Leute, die Umziehen wollen aber weder einen Führerschein noch Freunde mit einem selbigen haben? Das war wohl die Ursprungsfrage, die zu dieser praktischen aber doch sehr niederländischen Erfindung zweier Industriedesign-Studenten meiner Uni geführt haben muss.

Sonntag, 25. Januar 2009

Im Land der aufgehende Sonne oder: Lost in Translation

Zur Information der Allgemeinheit: Ich bin gerade beruflich in Japan, genauer in Sendai, einer Stadt mit einer knappen Million Einwohner welche ca. drei Zugstunden nördlich von Tokio liegt. So, wie komme ich zu einem Japan-Trip? Die Erklärung liegt bei meinem Doktorvater: Dieser war als Postdoc in Japan und ist mit einer Japanerin verheiratet, hat also beste Verbindungen ins Land der aufgehenden Sonne. Einer seiner Kontakte ist Prof. Sadamichi Maekawa, der hier in Sendai wirkt. Und so kam es dann, dass ich hierher eingeladen wurde.

Nun, jeder wird wohl eine gewisse Vorstellung haben wie Japan angeblich ist. Zumindest meiner Vorstellung nach waren die Japaner sehr höflich und freundlich und bestens organisiert. Nach zwei Tagen im Land kann ich sagen: Es scheint zu stimmen. Zum Beispiel dass hier alles hochakurat durchorganisiert ist. Der Wagen für den man eine Reservierung hält nicht wie in D halt in einem bestimmten Bahnsteigabschnitt -- nein, auf dem Bahnsteig gibt es tatsächlich eine Markierung, wo die Tür sein wird. Und natürlich wird der Zug tatsächlich Zentimetergenau halten. Oder: Dass die Japaner ausgesprochen höflich und freundlich sind. So entschuldigt sich zum Beispiel am Flughafen der Zoll mit einer Lautsprecherdurchsage, dass die Abfertigung etwas länger dauern könne, wenn man sein Zollformular nicht ausfüllt (mit ausgefülltem Formular hat es dann bei mir ca. eine halbe Minute gedauert..). Oder dass einem das Rückgeld stets mit Verbeugung überreicht wird (inzwischen beherrsche ich übrigens auch die Kunst, das Rückgeld beidhändig mit Verbeugung anzunehmen).

Auf jeden Fall ist es schon ein komisches Gefühl, wenn man auf einen Schlag der Exot ist. Ist mir erst gestern beim Abendessen (muss gestehen: war McDonalds) wieder aufgefallen: Als ich gegangen bin, hat mich quasi das ganze Lokal angestarrt. Ausserdem mache ich jetzt mal die Erfahrungen, die normalerweise Zweimetermenschen in Europa haben -- zum Beispiel, dass die Waschbecken einem irgendwo in der Mitte der Oberschenkel hängen, man sich also irre weit runterbücken muss, wenn man Wasser aus dem Hahn trinken will.

Aber irgendwie erscheint mir hier auch vieles ineffizient zu sein, zum Beispiel wenn um eine kleine Baustelle (ein Sicherungskasten wurde gestrichen) noch ein zusätzlicher Mann mit Absperrfahne rumwuselt und sich verbeugt, wenn man daran vorbeigeht. Was er dabei gesagt hat, keine Ahnung. Nehme aber an, dass es sowas wie eine Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten war. Auch in den Läden scheint das Angestellten-zu-Kunden-Verhältnis wesentlich höher als in Europa zu sein -- nicht unbedingt eine negative Sache.

Aber man hat hier auch das Gefühl, nur das allernötigste Mitzubekommen. So zum Beispiel im Zug, wo auf eine ellenlange japanische Durchsage nur eine kurze englische folgt "Shortly, we will briefly stop in...". Entweder ist japanisch sehr ineffizient als Sprache oder es ging da einiges in der Übersetzung verloren -- "Lost in Translation". Es gibt übrigens einen sehr sehenswerten Film gleichen Titels, der in der Expat Gemeinde von Tokio spielt. Da gibt es eine Szene, die meiner Zugdurchsagenerfahrung ziemlich nahekommt: Bill Murray (Und täglich grüsst das Murmeltier, Ghostbusters) spielt einen Schauspieler, der in Tokio einen Werbeclip drehen soll. Auf eine minutenlange Auslassung seines Regisseurs auf japanisch folgt die Übersetzung "Play it more softly". Genauso scheint es eben auch im Shinkhansen zu sein.

Donnerstag, 27. November 2008

No Degree No Job?

Bis jetzt war meine Uni-E-Mail-Adresse spamfrei. Bis jetzt. Herzlich willkommen, erste Spammail. Und dann noch dazu eine so passende: Jemand will mir einen akademischen Grad verkaufen. Stimmt, ich hab ja erst einen, der zweite ist ja gerade in Arbeit. Aber wieso ich Geld für einen Doktor (oder was auch immer) zahlen soll, anstatt dafür bezahlt zu werden, leuchtet mir nicht wirklich ein. Es heisst in der E-Mail:

Tired of hearing:
:: No Degree, No JOB!
:: You don't Qualify for it!
:: What's your Degree in?
:: Where did you go to school?
:: With a Degree we could offer you a higher salary....

´Now you can Finally have the Degree you deserve based on your "Life
Experience"

Also ich bezweifle, dass jemand der auf irgendeine Spammail antwortet -- geschweige denn diesen Spammern Geld in den Rachen wirft -- genügend Lebenserfahrung für irgendwas hat. Aber nun gut... Lebenserfahrung. Also ich kann seit 23 Jahren oder so schwimmen, bekomme ich jetzt dafür einen Doktor in Hydrodynamik? Und was mache ich, wenn ich eines Tages wirklich einem Doktor der Hydrodynamik begegne und der mir Fragen zu meinem "Doktor" stellt?

No study, No examination, No Books.


Jetzt sollte wohl die letzte Dumpfbacke stutzig werden. Lernen, Bücher lesen und Prüfungen ablegen, das ist doch mehr oder weniger die Definition von studieren. Und das wird mir alles erlassen, wenn ich einen Betrag x bezahle? Für jemand, der einen guten Teil der letzten Jahre in Uni-Bibliotheken verbracht hat, kommt das schon fast einer Beleidigung gleich.

Prestigious Non-Accredited Degrees.


Soso, prestigeträchtige nicht-akkreditierte Abschlüsse. Das ist ein Widerspruch in sich. Entweder, der Name "Universität" und entsprechende Abschlüsse sind staatlich geschützt und Titelhandel somit sowieso illegal (z.B. in Deutschland) oder aber Universitäten müssen von einer entsprechenden Institution akkreditiert werden (so z.B. in den USA, wo der Name "University" an sich ungeschützt ist). Ein nicht-akkreditierter Abschluss aus einem Land, wo jeder eine "Universität" eröffnen kann, ist somit höchstens so viel Wert wie Altpapier.

This official College & University transcripts meet the highest academic standards printed on premium diploma paper, bearing the official gold raised SEAL of the awarding University
or College.

Also, wenn nur ein goldenes Siegel ein Diplom zu einem echten Diplom macht, dann hab ich wohl ein Problem -- mein Diplom der Uni Konstanz hat nur einen Stempel. Und das Papier ist auch kein spezielles.

Erst neulich gab es einen prominenten Fall von Titelmissbrauch: Der iranische Innenminister musste zurücktreten, nachdem herauskam, dass sein Oxforder-Ehrendoktor eine Fälschung war. "Natürlich" war entsprechender Minister nur das Opfer von Betrügern. Geschieht im trotzdem Recht. Denn die einzige Währung, mit der man sich einen Doktortitel erkaufen kann ist eine gesunde Mischung aus Hirnschmalz, Tränen und Starrköpfigkeit.

Montag, 17. November 2008

Life -- or the lack thereof -- in Academia


Wenn sich Gleichungen überhaupt nicht mehr vereinfachen lassen, man gar nichts mehr versteht und sowieso kurz davor ist, verrückt zu werden, dann lohnt sich ein Blick zu "Piled Higher and Depper" (phdcomics.com) von Jorge Cham. Und da stellt man fest, dass wohl das Betreuer-Doktorandenverhähltnis wohl überall ähnlich ist (siehe der Comic unten) bzw. die Zuhörerschaft bei Seminaren überall mit dem gleichen beschäftigt sind (siehe der Comic oben).

Sonntag, 26. Oktober 2008

Defend your thesis!

Glücklicherweise habe ich bisher immer erst mitbekommen, wie es in einer Prüfung abgeht, als es eigentlich schon zu spät war -- will heissen, als ich selber als Prüfling daran teilnahm. Vor jetzt schon fast drei Wochen war es zum erstenmal anders: Ich sass als mehr oder weniger Unbeteiligter in Xuhui's Doktorprüfung. Wobei ich das mit unbeteiligt sein nicht ganz stimmt. Hier in Delft sind nämlich die Doktorprüfungen super formell -- will heissen, die Prüfer tragen nicht nur Talare, der Prüfling einen Frack sondern der Prüfling wird noch dazu von zwei befrackten "Paranymphen" (dem Doktorprüfungsäquivalent eines Trauzeugen) begleitet. Nun, das Los Paranymph zu sein viel Fabian und mir zu. Daher begann unser Tag nicht um halb zehn mit Beginn von Xuhuis Vortrag, sondern schon eine Stunde früher im Frackverleih Klueger. Nun gut, also voll befrackt marschierten wir dannf zur Uni, wo es dann noch eine Kurzeinweisung in die Prüfungszeremonie gab: wer wann wo zu stehen hatte, wie die jeweiligen Prüfer anzusprechen sind -- die Prüfer sollen nämlich entsprechend ihrem Rang nicht als Prof. Soundso und Dr. Irgendwer angesprochen werden, sondern als "zeer geleerde opponent" und "geleerde opponent". Na ja, auf jeden Fall scheint das Ziel zu sein durch die ganzen Formalitäten dem Prüfling eine möglichst schreckliche Stunde zu bescheren.

Nun gut, zuerst hielt Xuhui einen Vortrag, dann traten -- angeführt vom Pedel (mit Zeremonialstab!) -- die Prüfer den Raum und es konnte losgehen. Während der Prüfung sassen Fabian und ich dann vor Xuhuis Rednerpult, bereit jederzeit aufzuspringen und ihn zu verteidigen sollte einer der Prüfer... Nun, die Prüfer waren alle zivilisiert und so war es nicht nötig sich mit ein Gefecht zu liefern. Das einzige mal, wo ich dann ein bisschen Action hatte, war als der Streit um Gleichung 5.16 in der Doktorarbeit eskalierte und ich von einem der Prüfer einen Zettel mit einer Rechnung holen musste. Und das war eigentlich schon alles, was ich als Paranymph zu leisten hatte. Wobei, nein, ich musste auch noch eine von Xuhuis Thesen vorlesen. Hier ist es nämlich so, dass zusätzlich zur Doktorarbeit ein dutzend oder so Thesen verfasst werden müssen, die zum einen sich auf die Doktorarbeit bzw. die Physik beziehen können und/oder auch total physikfrei sein können. Zum Beispiel, eine von Xuhuis Thesen war, dass Politiker, die einen wissenschaftlichen Hintergrund haben, weniger von Dogmen getrieben seien und im Allgemeinen Verantwortungsvoller seien. Hm, weiss nicht wirklich ob ich da zustimmen kann, wenn ich nur an Merkel und Lafontaine (beide Physiker) und Margret Thatcher (Chemikerin) denke...

Was noch ganz witzig war, war der etwas arg aufgedrehte Prüfungsvorsitzende. Nach jeder Frage eines Prüfers donnerte er los: "Defend your thesis!!" und das war dann für Xuhui das Zeichen nun um sein Leben zu quasseln.


P.S.: Wer mich im Frack sehen will, sollte auf Xuhuis Blog nachschauen.

Montag, 8. September 2008

Das Jahrbuch, eine unendliche Geschichte

Vor einigen Wochen ist bei uns eine E-Mail eingetrudelt, dass die Leute von der Fachschaft Physik einen Beitrag für ihr Jahrbuch von uns Theoretikern wollen. Und das alles bitte zum Thema "Einheiten" und irgendwie sollte es auch noch einen Bezug zu unserer Arbeitsgruppe haben. WTF, ich und Einheiten? Was haben die mit mir zu tun? Streng genommen gar nix. So machte sich dann Ratlosigkeit breit und wir beschlossen, die E-Mail einfach zu ignorieren. Dummerweise hat das nicht wirklich funktioniert, denn die Leute von der Fachschaft haben uns weiterhin mit Emails bombardiert. Nun, schlussendlich blieb die Sache durch das Eliminationsprinzip (Urlaub, Ausreden...) an mir und an Chris hängen. Nun, um eine lange Geschichte kurz zu machen, das ist unser Ergebnis:


THEORY, UNITS AND UNITY

Writing something linking the theme for this yearbook of ``eenheid," which is to say unit (or tongue-in-cheek: unity), with the theory group is quite a task, as we found out on doing some brainstorming. The reason being that we theorists typically can't really agree on a common standpoint on questions arising from units. For example, some prefer to use a unit system where both hbar and k_B, i.e. Planck's and Boltzmann's constant, are both equal to one, as it makes formulas less cluttered. Others, in turn, prefer to retain these constants, as it makes their thinking clearer, while still others can't really decide and sometimes set hbar, k_B to one and sometimes not. But essentially, let's be honest: it's all a matter of taste, and so one finds among the twenty--or--so members of the theory group at least twenty--or--so opinions on the pro's and con's of using some system of units or other.

So are we then just a bunch of people who can't agree on anything? The answer is of course: No. We agree, first and foremost, that exploring new fields and uncovering the fundamental laws of nature is a deeply interesting thing to spend time doing. Now for the non--physicist visiting us this might not seem so exciting, as all he will see is people staring at screens or scribbling formulas on scrap paper. Perhaps sadly, no interesting or confusing--looking experimental setups or the like can be found in our offices. Yet, the most exciting thing for us is happening constantly: seeing that all the assumptions and calculations we've made add up to an explanation of an effect observed in experiments, or better yet, one not--yet--observed, but certain to be.

Now, apart from this work, we all enjoy the daily coffee breaks, where the latest news, trivia or the peculiarities of our home countries are discussed in as much detail as a good derivation... But diverse as the group is, with people coming from a half a dozen or so countries and backgrounds, we often find that the only conclusion we can agree on, is that we certainly do not agree. And that of course, brings us full circle back to whether it is better to set $\hbar$ equal to one or not.

Mittwoch, 11. Juni 2008

Das Fehlende-Gabeln-Problem

In den letzten zwei Tagen hat mal wieder unsere Mensa für Gesprächsstoff gesorgt. Ich will hier gar nicht anfangen, mich über die Qualität des Essens auszulassen, da ja sowieso jeder Student der Meinung ist, dass seine Mensa im Wettbewerb Wer-kocht-am-ungeniesbarsten führend ist.

Nein, es geht um das Fehlende-Gabeln-Problem, das uns hier plagt. Dabei hat es folgendes auf sich: Seitdem letzten Herbst der Mensa-Pächter gewechselt hat, gibt es dauernd einen Mangeln an Gabeln. Wenn man Glück hat, dann fliegen noch irgendwo Einwegplastikgabeln herum, wenn nicht, dann kann man seinen Wok oder was auch immer (also Pommes mit Frittensos) mit Löffel essen. Im Schnitt passiert das so alle Woche zwei oder dreimal, egal ob man früh oder spät in der Mensa auftaucht. Und der Betreiber hat es im letzten halben Jahr nicht für nötig gehalten, daran etwas zu ändern (z.B. mal beim Ikea seines Vertrauens eine handvoll Gabeln zu besorgen). Zumindestens bis gestern. Es hat nämlich jemand haarscharf kombiniert: 1) Es fehlen Gabeln. 2) Da es jetzt Sommer ist, essen viele Leute draussen auf der Treppe vor der Bib. Schlussfolgerung: Diese Leute schleppen Gabeln raus, ohne sie zurückzubringen. Dass das ganze mit den fehlenden Gabeln irgendwann im Winter begonnen hat, lange bevor irgendjemand auf die Idee kam draussen zu essen macht ja nichts. Auf jeden Fall haben wir jetzt einen Sicherheitsmenschen an einem Ausgang stehen, der haarscharf überwacht, dass niemand Teller oder Besteck mit nach draussen nimmt. Total gaga, denn was dieser Sicherheitsmensch pro Stunde verdient, da könnte man locker ein paar Dutzend Gabeln davon kaufen... Ausserdem: Besser man verärgert seine Kunden als das Problem zu lösen, das ist ja schon immer das Rezept für erfolgreiche Geschäfte gewesen.

Samstag, 17. Mai 2008

Bouwkunde Update

Inzwischen hat sich die Neuigkeit, dass bei uns die Architekturfakultät abgebrannt ist bis zu Spiegel Online herumgesprochen. Also laut Spiegel Online hat ein Wasserrohrbruch ein Kurzschluss in einem Kaffeeautomat verursacht, was ungefähr eine Mischung aus den beiden Theorien ist, die bei uns herumgehen. Frag mich nur, ob die mehr wissen als wir.

Heute hab ich es dann mal geschafft, zur Bouwkunde hinunterzuradeln und mal ein Foto zu machen. Sieht schon krass aus.

Ab Montag soll das ganze dann abgerissen werden. Ach ja, ein Teil der Architekten sind jetzt ersteinmal notdürftig bei uns im Physikgebäude untergekommen.

Dienstag, 13. Mai 2008

Gefährliche Kaffeemaschinen

Demnächst kann man wahrscheinlich in Delft folgende Anzeige in der Zeitung lesen:
Nette Fakultät, sowohl künstlerisch als auch technisch veranlagt, manchmal etwas statisch, sucht ab sofort neues Zuhause.
Was ist passiert? Nun, heute morgen gegen halb zehn ist eben im Gebäude der Architekten ein Feuer ausgebrochen, nach einer Version durch einen Kurzschluss einer Kaffeemaschine in einer der Kaffeecken. Daher die gefährlichen Kaffeemaschinen im Titel. Ich weiss schon, weshalb ich Tee trinke! Um die Geschichte kurz zu machen, die Feuerwehr konnte den Brand nicht löschen und am Nachmittag wurden dann die Löscharbeiten eingestellt, weil das Gebäude als einsturzgefährdet galt. Tatsächlich ist es dann auch heute abend irgendwann, während ich im Vortrag unseres japanischen Gastes sass, ein Teil des Gebäudes eingestürzt. Siehe dazu dieses Video (Tipp: ab ca. 1 Minute wird es interessant):



Glücklicherweise scheinen bei dem Brand keine Menschen(holländisch: slachtoffers, kein Scherz!) zu Schaden gekommen zu sein. Wer das ganze aus einer vertrauensvolleren Quelle als dem Bretziversum erfahren möchte, kann sich vertrauensvoll an den Volkskrant wenden.